Stör anno domini

Wir schreiben das Jahr 2007. Ganz Dresden ist in der Moderne angekommen. Ganz Dresden? Nein. In einem kleinen Haus irgendwo in der Stadt ist die Zeit stehen geblieben. Ich öffne die Tür, die hinter mir mit einer Kontruktion aus Seilrolle, Seil und einem mit Steinen befüllten Sack selbstständig wieder ins Schloss rasselt. Da spricht mich auch schon von der Seite derb eine mittelalterlich gekleidete Dame an:

Burgfräulein: "Was begehrt ihr mein Herr?"

Störgröße: "äh ... wir hatten einen Tisch bestellt..."

Burgfräulein: "Ahhh! Ihr wollt hier fressen und was zu saufen!"

Störgröße: "Oder so, ja."

Das Burgfäulein weist uns einen Platz zu. Das Mobiliar ist einfach: Rustikale Tische aus Holz, Bänke und Schemel. Auf dem Steinboden liegt vereinzelt etwas Stroh. Das Glas in den Fenstern ist trüb und von verschiedenen Farben durchsetzt. An den Wänden hängen Kettenhemden, Lanzen, ein paar Tierfelle. An einer Wand befindet sich ein alter Kamin. In dem ganzen Lokal gibt es kein elektrisches Licht. Alles ist mit Kerzen ausgeleuchtet.

Burgfäulein: "Sprecht, was wollt ihr saufen!"

Störgröße: "Eine Cola bitte."

Burgfäulein: "Pah! Teufelszeug!"

Störgröße: "Dann vielleicht ein Wein?"

Burgfräulein: "Also einmal einen Krug Met."

Die Speisekarte auf einer Papierrolle enthält im wesentlichen totes Tier, verschiedene Käsesorten und Brote. Die Preise sind in Talern und Silberlingen ausgeschrieben. Es dauert etwas bis ich diese mittelalterliche Sprache entschlüsselt habe und entscheide mich für etwas mit Hähnchenfleisch und Nudeln. Die Getränke und auch das Essen werden in Krügen und auf Geschirr aus Ton aufgetischt. Besteck? Naja, ein Holzlöffel und ein Holzmesser, mit dem man alles machen kann außer das Fleisch zerteilen ... mit den Fingern geht es auch, scheint hier auch so üblich zu sein. Von dem Met teile ich mir an diesem Abend mit einem Kollegen übrigens drei Krüge à einen Liter.

Plötzlich stehen zwei Typen im Raum. Angezogen mit Hemden aus Leinen, Hosen aus Leder. Der eine hat diverse Fiedeln und eine art Dudelsack dabei, der andere eine Trommel und eine Laute. Sie beginnen den Abend mit mittelalterlichen Klängen und derben Lieder musikalisch zu untermahlen. Wirklich gut. Eine Textpassage lautete zum Beispiel:

"... Schock, schwere Not, mein Eheweib ist tot.
Wer stopft mir jetzt die Socken und kocht mein Abendbrot? ..."


Die beiden bekommen Verstärkung durch einen Esel und einen Ziegenbock, die durch das Lokal trotten und sich an den Tischen die Speisereste abholen. Ein Esel? Oder zwei Esel? Der Met entfaltet seine Wirkung ...
Zeit die Heimreise anzutreten.

Hier der passende Link zum Erlebnis.
Iggy - 29. Jun, 21:48

schock, schwere not,

das ist wirklich reine nostalgie, na gut, bis auf socken stopfen und abendbrot kochen...
war denn auch ein plumpsklo am orte? ;)

Störgröße - 29. Jun, 22:51

Auf dem Weg zum Klo habe ich genau das befürchtet. War dann aber insgeheim doch sehr erleichtert einen gekachelten Raum und Gerätschaften aus Keramik vorzufinden. Aber zu diesem Laden hätte das Plumpsklo echt gepasst. Die waren nämlich insgesamt doch sehr Detailverliebt.
flor - 29. Jun, 23:27

wie ich die sache einschaetze wurden da etliche taler faellig fuer die nostalgie der neuzeit...

schwer zu merken:
http://www.llanfairpwllgwyngyllgogerychwyrndrobwllllantysiliogogogochuchaf.org.uk/

Störgröße - 30. Jun, 00:11

Von diesem Dorf gibt es auch ein Lied. Ein bekannter hat es noch auf einer Schallplatte, damals Stolz von Wales mitgebracht.
Ansuzz - 30. Jun, 21:46

Hinterher

Wurdet ihr hinterher auch gefragt "Warum rülpset und furzet ihr nicht? Hat es euch nicht geschmecket?" (Zitat von M. Luther)

Störgröße - 30. Jun, 22:26

Aber Hallo! Und ob! Den Bedienungen ist dieser Sprachjargon in Fleisch und Blut übergegangen.
tschapperl - 30. Jun, 23:02

Da war ich vor 2 Jahren in Erfurt einmal in einem ähnlichen Schuppen. War ganz lustig.
Bin im Oktober ein paar Tage in Dresden, wäre eine Idee dort hinzugehen.

Störgröße - 30. Jun, 23:08

Kann ich nur empfehlen! Ich ja auch schon mal bei solchen Ritteressen und so, aber so detailgetreu wie hier war es noch nirgendwo anders. Am besten geht man am Wochenende, weil da haben die dann auch ein entsprechendes Programm (Gesang und so).
Stockfisch - 3. Jul, 00:15

Konnte man da auch die Knochen nach hinten werfen? Oder gab es das nur bei denen ganz früher bei Asterix und Obelix?
Also, gefallen hätte mir das auch ;-)

Störgröße - 3. Jul, 18:44

Jo. Konnte man. Irgendwann am Abend tönte es vom anderen Tischende "Habt ihr da hinten noch was von der Haxe?". Und promt kam sie geflogen ... Erstaunlich wie schnell der Mensch sein Verhalten anpassen kann.
punctum - 3. Jul, 22:44

oh, schade, dass ich das jetzt erst lese. ich kenn die lokalität. einmal war ich zu ostern da, da wurden erst mal ein paar putzmuntere küken auf den tisch gesetzt, als deko sozusagen. und der esel war auch schon damals der renner. quer durch's lokal.

Störgröße - 3. Jul, 22:48

Und wars gut?
punctum - 3. Jul, 22:52

originell und nett. gute idee, mal wieder hinzugehen. gute nacht - und frohe träume!
Störgröße - 3. Jul, 22:56

Ich fands auch super dort. Deshalb ja auch diese Geschichte gleich in den Blog gesetzt. Ebenfalls gute Nacht!

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